Kapitel 1

Pescara gewöhnte sich an die Gegend. Sie war beschaulich und ruhig und die Tiere des Waldes ließen sie gewähren. Sie war keine Bedrohung für sie. Das hatte Pescara von Anfang an durchblicken lassen. Der Hügel war niemandem anderes Revier und somit war ihre Chance groß, dass kein anderer Wolf Besitzansprüche stellen würde. Weiter südlich lebte ein Wolfsclan, aber er war friedlich und zu weit weg, um ihr in die Quere zu kommen.

Sie wusste, wenn ein anderer Wolf kommen würde und ihr Revier beanspruchen würde, dann hätte sie keine Chance. Noch nicht. Doch das war jetzt, kurz vor dem Winter eher unwahrscheinlich. Auch die Paarungszeit hatte noch nicht begonnen und selbst wenn diese dann da ist, würden die männlichen Wölfe sie meiden. Wenn Sie eines in der Freiheit gelernt hatte, dann dieses: Ist ein Tier krank, dann lass es alleine.

Es war wirklich alles perfekt.

Mittlerweile hatte sich Pescara schon eine gewisse Routine angewöhnt. Jeden Morgen wanderte sie zum Bach, wusch sich und stillte ihren Durst. Danach durchstreifte sie ihr kleines Revier, fraß liegengebliebenes Aas und erneuerte die Grenzmarkierungen. Meistens fand sie tote Mäuse oder Feldhasen. Gerade viel genug um zu überleben.

Wenn ihr Hunger befriedigt war, machte sie sich daran, die Höhle winterfest zu machen. Der Wind pfiff an manchen Tagen schon unbarmherzig kalt und in Ermangelung eines Rudels, dass sie wärmte, begann Pescara, trockenes Laub in die Höhle zu tragen. Das war eine mühevolle Arbeit aber sie hatte noch genügend Zeit.

Und in den Pausen, die sie immer wieder brauchte, rollte sie sich auf den Blättern zusammen und träumte ihre Erinnerungen.

Sie befand sich in einem kleinen Gebiet. Weit weg von hier. Sie konnte nicht umherstreifen denn nach einigen Metern versperrte ein kaltes Geflecht vor ihrer Schnauze den Weg. Viele andere Wölfe bewohnten dieses Gebiet mit ihr. Fremde Wölfe. Einige dieser Wölfe waren aggressiv und so war jeder Tag ein Ringen um die Vorherrschaft. Auch Pescara rang eine Weile. Doch irgendwann bemerkte sie etwas, für sie, bedeutendes. Es würde niemals aufhören. Die alten Wölfe starben und verschwanden spurlos und neue kamen hinzu. Und das Ringen begann von vorne. In diesen Tagen begann Pescara sich selbst zu beißen. Vielleicht wusste sie instinktiv, dass sie sich, indem sie sich verletzbar machte, die dominanten Wölfe vom Hals schaffte. Und es funktionierte. Sie wurde ignoriert. Mehr als das, sie wurde geächtet, aber das nahm sie in Kauf. Sie wusste auch nicht was sie sonst tun sollte, sie wusste nur, dass das Kämpfen hier sinnlos ist.

Nach einiger Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, wurde sie in ein anderes Gebiet gebracht. Auch dieses war von einem Geflecht umgeben, aber hier gab es nur einen anderen Wolf, außer sie selbst. Einen männlichen.

Pescara zuckte im Schlaf mit ihrem Schwanz. Ein Geräusch hatte sie aufgeweckt. Vorsichtig schlich sie nach draußen. Es war bereits dunkel und der Mond schimmerte sanft am Nachthimmel. Es war eine klare, aber eiskalte Nacht. Das erinnerte Pescara daran, noch mehr Laub in die Höhle zu schaffen. Da erklang das Geräusch wieder und wieder. Das Heulen eines Wolfes, aus dem südlichen Rudel. Sie spitzte ihre Ohren. Es klang sehnsüchtig. Instinktiv wollte sie zurück heulen, konnte sich aber gerade noch beherrschen. Denn würde ich Sie das tun, dann hätte sie bald Besuch. Besuch, den sie abweisen würde.

Sie schlich in ihre Höhle zurück, ließ sich von seinem besonderen Geruch umfangen und träumte weiter.

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Text: Petra Höberl

Bild: pixabay

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