Es war ein eiskalter Novembertag. Der Wind pfiff gnadenlos durch die kahlen Bäume, von keinem grünen Blatt mehr aufgehalten. Freie Fahrt voraus, den nahenden Frost im Schlepptau.

Empirista hatte sich warm eingepackt, trotzdem fröstelte sie ein wenig.
Sie war lange nicht mehr hier gewesen, dennoch war sie sich sicher, die richtige Abzweigung gegangen zu sein. Im Geiste studierte sie die Landkarte. Sie hatte das kleine Waldhäuschen vor ein paar Jahren, sehr günstig von einer alten Frau erworben. Diese war der Ansicht, dass ihre müden Knochen die Feuchtigkeit nicht mehr ertragen wollten und so suchte sie, mit ihren Worten, eine würdige Nachfolgerin.
Empirista war es schleierhaft, warum sie gerade von ihr ausgewählt wurde, doch sie selbst hatte das Häuschen ausgewählt sobald Sie einen ersten Blick darauf geworfen hatte. Aber vielleicht hatte auch das Haus selbst seine Wahl getroffen.

Immer wenn Empirista zur Ruhe kommen musste, besuchte sie ihr kleines „Hexenhaus“ – so nannte sie es liebevoll. Leider konnte man das Häuschen mit dem Auto nicht erreichen, wodurch Empirista gezwungen war, die letzten zwei Kilometer zu Fuß durch den Wald zu wandern. Sehnsüchtig dachte sie an die heiße Tasse Tee, die sie sich machen wollte, sobald sie angekommen war.

Nebel zog auf. Wie kleine Wellen waberte er zu ihren Füßen. Empirista zuckte mit den Achseln. Der Nebel würde zumindest den Wind besänftigen. Entschlossen ging sie weiter, sie war überzeugt, dass ihr Häuschen bald in Sichtweite sein müsste. Je länger sie ging, desto dichter wurde der Nebel. Er verschluckte nach und nach das ganze Gebiet um Empirista herum. Hochkonzentriert setzte sie einen Fuß vor den anderen, bedacht, den Weg nicht aus den Augen zu verlieren.

Angst hatte sie nicht. Empirista kannte den Nebel von klein auf und so ging sie niemals durch ihn hindurch, sondern mit ihm mit. Im Auge des Nebels ist es totenstill. Empirista schloss kurz die Augen. Das war die Ruhe, die sie gesucht hatte. Es schien, als ob der Nebel nicht nur die äußerlichen Geräusche schluckte, nein, auch alle inneren. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie nichts mehr, außer Nebel. Er war so dicht geworden, dass sie nicht mal mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Unschlüssig blieb sie stehen. Sie wusste nicht so recht was sie jetzt tun sollte.

Hin und her überlegte sie, „zurück finde ich bei diesem Nebel garantiert nicht, andererseits müsste das Haus ganz in der Nähe sein. Aber wenn ich nichts sehen kann, dann marschiere ich womöglich daran vorbei…“
Empirista beschloss zu warten. Sie setzte sich auf den Boden und war dankbar, dass der Nebel die Kälte genommen hatte.

Nach einer Weile wohliger Stille, in Watte gepackte Empfindungen, hörte Empirista plötzlich eine Melodie.
Erstaunt versuchte sie auszumachen woher diese kam, doch der Nebel war nach wie vor undurchdringlich. Erst jetzt erkannte sie den Song. Es war einer ihrer Lieblingslieder und leise summte sie, sich hin und her wiegend, mit.

Dann begann eine weibliche Stimme zu singen.

“ Wia vü Herzn muass a Frau brechn
bevor sie merkt, was a Frau ausmacht?

Wia vü Rabenschreie miassn erklingen
bevor es still is?

Wia oft muass sie Tränen wegküssn
bevor sie selba want?

Die Antwort, mei liabs, findst im Nebel,
mit da Antwort setzt du dei Segel.

Wia vü Jahr muass a Wassa rinna,
bevor da Berg zu Sand wird?

Und wia lang versteckst dei gscheckats Herz,
bevor dass das nach aussen zagst?

Wie oft machst imma weida,
obwohl du nimma magst?

Die Antwort, mei liabs, findst im Nebel,
mit da Antwort setzt du dei Segel.

Und wie oft muasst in Himmel nu segn,
bis du durt daham bist?

Wia vü Kinder muasst nu tröstn,
bis das koans mehr schreit?

Wie laung wird des nu dauern,
Bis dass koana mehr schiasst?

Die Antwort, mei liabs, findst im Nebel,
mit da Antwort setzt du dei Segel.
Ja. Die Antwort is im Nebel.
Find se. Und setz dei Segel!“

Tränen liefen über Empiristas Gesicht.
Der Nebel hatte sich aufgelöst.

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Text: Petra Höberl

Bild: pixabay

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