Der letzte Tag

Als ich heute Morgen aufwachte, wusste ich es. Niemals wusste ich etwas mit so einer großen Bestimmtheit wie das.
Heute ist der letzte Tag. Nicht nur mein letzter Tag, nein. Der letzte Tag von uns allen.

Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen neben mir heute. Muss wohl am letzten Tag liegen.

Ich ging ins Bad, wusch mich und putzte mir die Zähne, bevor ich mich fragte, was zum Teufel ich hier eigentlich mache!
Spielt es eine Rolle, am letzten Tag sauber zu sein?
Ich starrte in den Spiegel. Wenigstens stirbst du ganz hübsch, kam mir in den Sinn.
Obwohl. Ich wusste nicht sicher, dass jetzt alle sterben. Die Rede war nur vom letzten Tag.

Also wenn ich sterben muss, dann will ich nicht nur ganz hübsch sterben, sondern atemberaubend schön. Also schminkte ich mich.

Wunderschön bereitete ich das Frühstück zu. Als mein Mann ins Zimmer kam, starrte er mich ungefähr 5 Minuten an. Schließlich fragte er mich, ob ich noch was vor hätte, heute.

Huch. Diese Frage hatte ich mir noch gar nicht gestellt.

Was würdest du tun, fragte ich zurück, wenn heute der letzte Tag wäre?

Er sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Schließlich antwortete er. Ich würde mich jedenfalls nicht schminken, grinste er mich genüsslich an.

Genervt verdrehte ich die Augen, dann fiel mir ein, dass ich heute nicht genervt sein wollte.

Nein, im Ernst, sagte ich. Was würdest du tun?

Er nahm einen großen Schluck Kaffee. Ich hörte sein Gehirn regelrecht rattern.
Wahrscheinlich würde ich mich aufs Motorrad schwingen, und eine ausgiebige Tour machen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht, und das Wetter ist herrlich. Leider muss ich nun trotzdem zur Arbeit, Hase.
Sprachs. Küsste mich auf die Nase und weg war er.

Ich verzog das Gesicht. Hase!

Aber das Wetter war wirklich herrlich. Ja! Ich klatschte in die Hände. Was unternimmt man denn so am letzten Tag?

Mir fielen tausend Dinge gleichzeitig ein, doch keines erschien mir wichtig genug. Ich wollte etwas bedeutsames machen.

Aber für wen eigentlich? Gibt es danach noch eine Nachwelt, die das bedeutsame festhält?

Also beschloss ich den Tag, einfach so gut es geht zu genießen.
Ich besuchte meine Familie. Hörte ihnen zu. Vielleicht zum ersten Mal, aus einer völlig anderen Perspektive.

Ich ging in den Zoo und erzählte den Tieren, dass ihre Gefangenschaft bald zu Ende sei. Ich könnte schwören, sie haben mich verstanden.

Ich stopfte mich mit Eis und Schokolade, Kuchen und Pizza voll, bis mir schlecht war. Und bereute es keine Sekunde.
Schließlich kaufte ich noch das sündhaft teure Negligee und eine Flasche Champagner. Inständig hoffte ich, dass er nicht zu müde ist, wenn er heimkommt.

Als er schließlich nach Hause kam, ich hatte sein Lieblingsessen gekocht und er danach zufrieden auf dem Sofa lag, kam er noch mal auf unser Gespräch von heute morgen zurück.

Weißt du, liebes. Wenn wirklich der letzte Tag ist, heute. Dann möchte ich die allerletzten Sekunden mit der Frau verbringen, die ich über alles liebe. Mit dir.

Gerührt musste ich schlucken. Ich auch, flüsterte ich ihm ins Ohr.

Warte eine Sekunde! Ich bin gleich wieder da. Aufgeregt machte ich mich zurecht. Schnappte mir die Flasche

und ging dem letzten Abend entgegen.

Ich wünsche euch ein frohes neues Jahr! ❤

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Text: Petra Höberl

Bild: pixabay

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