„Die Kinder sind eingeschlafen. Lächelnd schlägt Oma das Buch zu. Liebevoll richtet sie die Bettdecken, löscht das Licht und trippelt leise nach draußen.

Im Wohnzimmer steht Opa. Und wie immer nach so einer langen Zeit, die sie ihn schon kennt, setzt ihr Herz einen kleinen Schlag aus, wenn sie ihn ansieht.
Und immer noch tanzen die Schmetterlinge in ihrem Bauch.

Wollen wir? fragt er sie. Galant hält er ihr den Arm hin. Schmeichler! lächelt sie ihn an. Sie nimmt seinen Arm und gemeinsam erleben Sie das Wunder.

Quecksilber. Der Raum verwandelt sich in flüssiges, silbriges Quecksilber. Keine Konturen mehr. Alles fließt, alles ist verbunden.

Die Möbel erzählen von den Tagen im Wald, als die Vögel in ihnen nisteten und der Hirsch sein Geweih an ihnen wetzte.

Sie flüstern von der Axt und dem fremden Geruch in der Fabrik.

Und den Kindern, die ihre Schubladen durchforsten und der Kerze, die den
Brandfleck machte.

Alleine von den Möbeln erfahren Sie tausende Geschichten. Zeit existiert außerhalb dieser Schwingung, das alte Pärchen erfährt alles jetzt. Gewusst haben Sie es schon immer.

Auch die Bilder an der Wand beginnen zu erzählen. Von den Familienfotos und dem Onkel, der nicht drauf ist weil er immer so müde war.

Und der Charlotte, die mit zahnlosem Lächeln in die Kamera strahlt, bei ihren ersten Gehversuchen.

Die beiden wenden sich einander zu. Opa’s Gesicht wird wieder jung. Oma sieht das spitzbübische Funkeln, das auch im Alter nie nachgelassen hat. Es erzählt ihr von seinen ersten Versuchen Ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Ihre Tänze, Ihre Albernheiten. Die Hochzeit, die Kinder. Die andere Frau.

Sie erinnert sich an die Stürme und an den sanften Wind. Den Regen und die Sonne.

Lächelnd lässt sie alles los, übergibt es dem Quecksilber. Und die alten Geschichten verbinden sich mit den Möbeln, mit den Bildern, mit dem Haus.

Es ist alles gut. Zeit für neue Abenteuer flüstert Opa ihr ins Ohr.

Oma muss kichern, wie ein junges Mädchen.
Gemeinsam werden sie zu Quecksilber. Lassen sich forttragen in die unendlichen Dimensionen des Seins.

Und das Haus bewahrt ihre Erinnerungen. Sorgsam beschützt von den Möbeln und den Bildern.“

Oma klappt das Buch zu. Lächelnd richtet sie die Bettdecken, löscht das Licht und trippelt leise aus dem Zimmer.

Seufzend nimmt sie ihre Strickarbeit in die Hand. Die Kälte draußen ist nicht gut für Ihre Gelenke. Schmerzen hat sie heute.

Plötzlich steht Opa vor ihr. Galant hält er ihr den Arm hin.

„Wollen wir?“

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Text: Petra Höberl

Bild: pixabay

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