Sie fühlte sich nicht gut.
Gestern schon nicht. So eng in der Brust. Da fuhr Ihr beim Einatmen plötzlich ein stechender Schmerz durch ihr Herz. Sofort machte Sie Ihre Entspannungsübungen, das half ein wenig.

Sie sprach mit ihrem Herz. Es ist alles gut, mein liebes Herz. Du machst deine Sache wirklich großartig. Ich weiß nicht, wo ich ohne dich wäre. Es liebte ja solche Reden. Oder Sie?

Heute wachte Sie auf.
Sie freute sich wirklich darüber aufzuwachen. Noch im Bett lächelte Sie dem Tag entgegen.

Die Brust war immer noch eng. Verzweifelt versuchte Sie positiv zu bleiben. Du bist gesund, flüsterte Sie. Lass dir bloß nichts anderes einreden!
Aber wenn es doch nicht stimmt? Vielleicht stehe ich schon an der Schwelle des Todes und habe es nur noch nicht begriffen?
Jetzt hör aber auf mit dem Blödsinn!

Das Atmen fiel Ihr so schwer. Vielleicht sollte Sie doch die Zigaretten mal bleiben lassen.
Sie sollte einiges bleiben lassen, das wusste Sie. Doch was bleibt Ihr denn dann noch?

Ablenken!

Sie versuchte nicht mehr nachzudenken. Machte profane Dinge. Waschen, Zähneputzen, mal aufs Klo gehen, Frühstücken.
Das konnte Sie schon ganz gut, das nicht mehr nachdenken. Lange hatte Sie es geübt. Das musste Sie, sonst hätte Ihr Gehirn ihr irgendwann die Freundschaft gekündigt.

Da kam Ihr plötzlich der wegweisende Gedanke! Ja, natürlich.
Mädchen du hast Angst!
Du hast riesengroßen Bammel, weil man dich plötzlich sieht! Nicht die Maske, die du aufgesetzt hast. Nein. Sie sehen DICH. Deine Gedanken, die nicht der Norm entsprechen. Deine Gefühle, deine Sorgen, deine Freude, und ja, deine Angst.

Alleine diese neue Erkenntnis beruhigte Sie ein wenig. Jeder hat Angst.

Und dann saß da dieser Rabe vor dem Baum an Ihrem Fenster, und er krähte und krähte wie ein Weltmeister.
Sie schenkte Ihm endlich Ihre Aufmerksamkeit und er krähte nochmal ganz gewaltig, hörte dann auf damit, und flog nach Beendigung seines Tuns dicht an ihrem Fenster vorbei.
Hinauf in den Himmel.

Sie konnte die Krähensprache nicht, aber es war Ihr als hätte er gesagt,
krächze raus in die Welt, so lange und so laut wie du nur kannst. Mich stört es auch nicht, wenn es jemanden nervt. Ich muss es tun, weil ich eine Krähe bin.

Sie musste lächeln. Und ihre Brust war wieder weit.

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Text: Petra Höberl

Bild: pixabay

 

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